Überwintern an Bord
"Gefangen im Eis!" bei solchen Schlagzeilen denkt man an Reisen in arktische oder antarktische Gefilde. Doch viel einfacher und billiger ist ein solches Erlebnis zu haben, wenn man sich entschließt, sein schwimmendes Zuhause den Winter über im Wasser zu lassen.
Das A und O für ein Wohnen an Bord ist eine ausreichend dimensionierte und zuverlässige Heizung. Da mein Boot noch über keine richtige Heizmöglichkeit verfügte, hatte ich die Qual der Wahl, mir aus dem breiten Angebot ein für diesen Zweck geeignetes Modell auszusuchen. Folgende Kriterien lagen meiner Kaufentscheidung zugrunde: Keine Abhängigkeit von Landstrom, weswegen schon einmal jede Form von elektrischer Beheizung ausschied. Die Technik sollte möglichst primitiv, wartungsfrei, dauerlaufgeeignet und lautlos sein, sowie im besten Fall ganz ohne Bordstrom auskommen. Ferner sollte der Brennstoff preiswert und die Heizleistung deutlich über 2 Kilowatt liegen. Durch diese Vorgaben kamen Gas- oder Dieselheizungen, mit Gebläse oder Warmwasserkreislauf nicht mehr in die engere Wahl, zumal ich auf anderen Schiffen mit solchen Modellen in der Vergangenheit eher schlechte Erfahrungen aufgrund der hohen Reparaturanfälligkeit gesammelt hatte. So fiel schließlich meine Wahl auf einen Dieselofen Modell Newport (in Deutschland von der Firma Toplicht vertrieben), der meinen Vorstellungen von der "idealen" Schiffsheizung am ehesten entsprach. Die Abstrahlleistung wird mit 4 KW angegeben und der Verbrauch je nach Reglerstellung zwischen 6 und 14 Litern pro Tag. Samt Abgasrohren und diversem Installationsmaterial kostete mich der Ofen rund 1.200 Euro; der Einbau war in zwei Tagen selbst zu bewältigen.
Für die Wahl meines Liegeplatzes waren (neben einer nicht zu großen Entfernung von meinem Arbeitsplatz) folgende Kriterien entscheidend. Er sollte geschützt sein, d.h. es sollte möglichst wenig Wasserbewegung, um die Gefahr von Schäden durch Eisgang und den Lautstärkepegel im Inneren durch vorbeitreibendes Eis gering zu halten. Dass das Wasser im Gegenzug an einer solchen Stelle leichter zufriert, wollte ich in Kauf nehmen. Ferner musste an Land noch eine gewisse Infrastruktur (Dusche/WC/Strom) vorhanden sein, da an meiner Arbeitsstelle mit einem neandertalerähnlichem Geruch und der entsprechenden Optik keine Pluspunkte zu sammeln gewesen wären. So fiel meine Wahl auf einen Liegeplatz beim Yachtzentrum Greifswald, das sehr geschützt einige Kilometer landeinwärts am kleinen Flüsschen Ryck liegt. Dort kam man mir mit der Zusage, die Sanitäranlagen auch im Winter offen und beheizt zu halten, sehr entgegen.
Die Konservierungsmaßnahmen für das Überwintern im Wasser entsprechen grundsätzlich
denen an Land. Wichtigste Ausnahme sind die Seeventile. Befinden sich diese nicht so weit unter der Wasseroberfläche, dass kein Eis zu ihnen vordringen kann, oder besteht die
Gefahr, dass sie von innen zufrieren, müssen die Ventile von innen mit Frostschutzmittel gefüllt und dann zugedreht werden, so dass im Inneren des Kugelventils Frostschutzmittel eingeschlossen wird.
Alternativ kann man die Seeventile auch mit Luft ausblasen. Dazu bläst man mit dem Mund einfach Luft von innen durch den angeschlossenen Schlauch und dreht das Ventil langsam zu.
Derart vorbereitet nahm ich den Winter in Empfang. Der Kampf gegen die immer tiefer sinkenden Temperaturen lief in Etappen ab. Erst wurde die Tür zum Vorschiff geschlossen,
das durch diese Maßnahme nur noch als Rumpelkammer und Kühlschrank zu gebrauchen war. Als sich der verbliebene Raum bei einem Thermometerstand von -10°C nicht mehr
ausreichend heizen ließ, wurden der durchgesteckte Mast und einige frei im Salon stehende Alu-Verstrebungen mit Schaumstoff isoliert, was dann bis -14°C gerade noch
ausreichend war (tiefer sind die Temperaturen zum Glück nicht gefallen). Als etwas ungünstig erwies sich die Verteilung der Wärme im Schiff. So wurden bei einer
Außentemperatur von -3°C unter der Decke 28°C, auf Höhe des Kartentisches 21°C und dicht über dem Fußboden 13°C gemessen. Dicke Socken waren daher obligatorisch. Abhilfe
schuf hier ein auf niedrigster Stufe mitlaufender Heizlüfter, der für die nötige Umwälzung der Luft im Schiff sorgte. Die gleiche Funktion würde sicher auch ein 12 Volt-Ventilator aus dem Autozubehörhandel erfüllen.
Die Dieselheizung lief über Wochen ohne Unterbrechung und meine ursprüngliche Befürchtung, dass es unter Deck nach Diesel stinken und an Deck alles verrußen würde,
bestätigte sich nicht. Lediglich bei sehr stürmischen und böigen Bedingungen kam es vor, dass die Abgase kurzzeitig zurück in die Kajüte schlugen. Zum Problem wurde aber die
Brennstoffversorgung. Bei einem Verbrauch von durchschnittlich 8 Litern am Tag würden die Heizkosten bei Diesel rund 150 Euro pro Monat betragen. Erheblich billiger ist das
Heizen mit Heizöl, was aber offiziell nur möglich ist, wenn ein separater Tank für Heizöl an Bord installiert ist. Nach einigem Herumtelefonieren fand ich schließlich eine Heizölquelle,
die auch in Kanister sprudelte, und das für 40 Cent/Liter. Laut Expertenauskunft ist Heizöl bis -3°C frostfest, wobei allerdings eine frostfreie Lagerung empfohlen wird. In meinem Fall
flockte das Heizöl auch ohne die im Winter in einigen Tankstellen erhältlichen Additive trotz der weit tieferen Temperaturen nicht aus, da der unter dem Cockpit liegende Brennstofftank vom Schiffsinneren aus mit beheizt wurde.
Ein Problem ergab sich dadurch, dass ich an Bord zunächst die blauen "Camping Gaz" Flaschen zum Kochen verwendete. Das in diesen Flaschen enthaltene Butangas verweigert
bei Temperaturen unter null Grad hartnäckig den Weg aus der Flasche Richtung Herd anzutreten. Besser haben es diejenigen, die mit dem weitgehend kälteunempfindlichen
Propangas oder z.B. mit Petroleum kochen. Aber auch bei der Verwendung von Propangas kann in der Leitung gefrierendes Kondenswasser den Weg Flasche-Herd unpassierbar
machen, wie ich am eigenen Leib und nach langem Herumrätseln erfahren musste.
Zu beachten ist ferner, dass Luken auch auf einem beheizten Schiff durch am Innenrand
gefrierendes Kondenswasser derart zufrieren können, dass ein Entkommen durch sie - etwa im Brandfall - unmöglich wird. Überhaupt ist Kondenswasser ein Problem, das an allen
schlecht Isolierten Stellen im Schiff auftritt, weshalb auf eine ausreichende Lüftung zu achten ist , was vor allem dann wichtig ist, wenn mit Radiatoren oder Heizlüftern geheizt
wird, die die Räume nicht mit frischer, trockener Luft versorgen.
Auch sollte man Festmacher aus Polypropylen verwenden, da diese kein Wasser aufnehmen und so auch noch bei Minustemperaturen flexibel bleiben und sich so ggf.
einfach lösen lassen.
Die mir von selbsternannten Experten gemachte Prophezeiung, der Rumpf dürfe nicht einfrieren, um Schäden zu vermeiden, bestätigte sich nicht.
Das Schiff war einige Wochen lang eingefroren, wobei zwischen Rumpfwand und Eisdecke meist noch ein dünner Spalt war. Lediglich bei Temperaturen unter -10°C schaffte das Eis
auch den Sprung an die Bordwand und hielt das Boot dann mit fester Hand im Griff.
Freigehackt habe ich das Schiff, wie übrigens die übrigen Wasserlieger im Greifswalder
Museumshafen, nicht. Dass gefrierendes Wasser ein Schiff zerquetschen kann ist eine weit verbreitete Fehlvorstellung, wird ein Rumpf nicht dadurch eingedrückt, dass das Wasser
um ihn herum gefriert, sondern dadurch, dass er von Eismassen, die durch Wind und Strom in Bewegung gesetzt werden, in die Zange genommen wird. Solche Eispressungen sind aber an einem geschützten Liegeplatz nicht zu erwarten.
Auch Wasserstandsschwankungen von über einem Meter verliefen undramatisch. Bei fallenden Wasserständen hat sich das eingefrorene Schiff schadlos der Schwerkraft
folgend durch das Eis geknackt und wenn das Wasser stieg ist es lautlos mit dem es umgebenden Eis aufgeschwommen. Lediglich der Wasserpass hat einige Schäden
abbekommen, was dadurch bedingt war, dass das Schiff bei Starkwind zum Teil heftig und mit einer etwas beunruhigenden Geräuschkulisse gegen die Eiskante in Lee gedrückt wurde.
Fazit: Man muss kein "Aussteigertyp" sein, um auf einer Yacht an der Nord- oder Ostseeküste zu überwintern. Eine gute Heizung, ein solides und einigermassen isoliertes Schiff, etwas Sportlichkeit sowie sanitäre Anlagen an Land ermöglichen ein durchaus komfortables Leben. Lediglich Geselligkeitsfanatiker sollten auf eine solche Erfahrung verzichten - Nachbarn wird man in den meisten Fällen nämlich keine haben.
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Nach Erscheinen des Artikels habe ich noch einige Erfahrungen gemacht bzw. Tipps bekommen, die ich hier in kürze wiedergeben möchte:


Letztes Update: 26.12.2011