Durch den Eisernen Vorhang gesegelt
Sie wohnt in einem Land, das man mit dem Segelsport eher nicht in Verbindung bringt und doch hat sie etwas erreicht, was vor ihr noch keine Frau geschafft hat: Krystyna Chojnowska-Liskiewicz ist vor gut 25 Jahren als erste Frau einhand um die Welt gesegelt.
Polen Mitte der 70er Jahre. Der Eiserne Vorhang
trennt die Welt und Deutschland in zwei Teile und wer im Westen wohnt, hält den Osten für einen Hort der Unfreiheit und Unterdrückung. "Doch," so versichert Krystyna Chojnowska-Liskiewicz, "so
schlimm war es nun auch wieder nicht, schließlich hat hier keiner versucht, den Kommunismus mit der typisch deutschen Gründlichkeit in die Tat umzusetzen. Wer wollte, konnte Reisen, auch wenn es nicht einfach war."
Würde man der Polin mit dem für ungeübte Zungen nur schwer aussprechbaren Namen in ihrer Heimatstadt Danzig auf der Straße begegnen, würde sie nicht weiter auffallen. Eine zierliche Frau in den Sechzigern, die sich äußerlich in nichts von hunderttausenden anderen Frauen in diesem Alter unterscheidet. Und doch ist sie etwas ganz Besonderes. Von 1976 bis 1978 hat sie mit ihrem 9 Meter langen Segelboot "Mazurek" die Welt umsegelt. Als erste Frau allein.
Dass sie die erste war betont sie nicht nur deshalb, weil wir in einer Zeit leben, in der es nun einmal wichtig ist, der erste, schnellste oder beste zu sein, sondern auch deshalb, weil es der Neuseeländerin Naomi James gelungen ist, in der Öffentlichkeit den Eindruck zu erwecken, sie sei die erste Einhandweltumseglerin gewesen. Krystyna Chojnowska-Liskiewicz schüttelt den Kopf. "Die ist durch die Gegend gerannt, und hat behauptet, sie habe als erste Frau die Welt umsegelt. Sogar auf dem Cover ihres Buches hat es in dicken Lettern gestanden! Und auch als wir zusammen in Kanada auf eine Veranstaltung eingeladen waren hat sie nicht aufgehört, diese Geschichte zu erzählen. Aber wo es um Geld und Ehre geht, bleibt die Wahrheit leicht auf der Strecke."
Als ob es noch nötig wäre, ihre Erstleistung unter Beweis zu stellen zeigt sie eine vergilbte Kopie der amerikanischen Ausgabe des "Guinness Book of Records" her. "Da steht mein Name." In der aktuellen Ausgabe des "Guinness Book of Records" ist ihr Name nicht mehr zu finden. Es musste Platz geschaffen werden für Base-, Basket- und Footballstars. So lebt die Legende, dass Naomi James die Welt als erste Frau umsegelt hat, weiter. "Ich hatte ja auch keinen PR-Apparat, der meine Reise medienwirksam verkauft hat." Im ehemaligen Ostblock würde man sie schon kennen, schließlich ist ihr Buch über die Reise auf polnisch, bulgarisch, russisch und tschechisch erschienen. Aber Verlage im Westen haben abgewinkt - kein Interesse, schließlich hatte man mit Naomi James ja schon eine erste Weltumseglerin im Programm. Dabei sei ihr Buch eigentlich ganz gut, sagt die Frau mit den wachen Augen mit einer Mischung aus Trotz und etwas Stolz in der Stimme.
Wie eine Frau aus dem Ostblock die erste Einhandweltumseglerin werden konnte und nicht eine Frau aus dem reichen und freien Westen ? "Ich weiß nicht,
warum die Geschichte auf mich gewartet hat." antwortet Krystyna Chojnowska-Liskiewicz. Betrachtet man die Situation in Polen zu dieser Zeit und ihre Biographie genauer, dann sind die Rahmenbedingungen für eine solche
Erstleistung gar nicht so schlecht. Krystyna Chojnowska-Liskiewicz ist Schiffbauingenieurin und begeisterte Seglerin, die vor ihrer großen Fahrt gut 10.000 Meilen auf Nord und Ostsee zurückgelegt hat. Ihr Mann Waclaw ist
ebenfalls Schiffbauingenieur und ebenfalls begeisterter Segler, der 1967 an Bord einer polnischen Yacht schon bis nach Spitzbergen gesegelt ist. Der Traum von der großen Reise wird durch die Bücher der bekannten Einhandsegler
Chichstester, Colas und Tabarly genährt, die alle auch in Polen verlegt wurden. Aber woher die nötigen Mittel nehmen, um ein Boot und die Fahrt zu finanzieren ?
1975 ist das internationale Jahr der Frau und dies dient Krystyna Chojnowska-Liskiewicz als Aufhänger bei ihrer Suche nach Unterstützung. Diese findet sie schließlich beim polnischen Seglerverband und bei der Dachorganisation der polnischen Schiffbauindustrie und vor allem bei ihrem Mann. "Ohne ihn hätte ich es nie geschafft." gesteht sie freimütig. Er konstruiert das Schiff für ihre Reise. Es entsteht unter seinen wachsamen Augen in der Werft, in der er beschäftigt ist. Bug- und Hecksektion werden ausgeschäumt, um bei einer Kollision Sicherheit zu bieten und im Vorschiff wird ein kleiner Dieselgenerator installiert, der die Batterien laden soll.
Wichtige Ausrüstungsteile müssen importiert werden: Der Mast und die Selbststeueranlage kommen aus England, der Kurzwellensender aus Dänemark und
Sextant samt Quarzchronometer aus Westdeutschland.
Als die Vorbereitungen abgeschlossen sind ist Januar, die Ostsee zum Teil zugefroren. Kurzerhand wird die Yacht auf einen Frachter verladen und nach Las Palmas auf Gran
Canaria gebracht. Wenig später, am 28. März 1976, sticht die damals vierzigjährige in See. Zum ersten mal in ihrem Leben ist sie länger als 24 Stunden alleine mit einer Yacht
unterwegs. "Zu Anfang der Fahrt hatte ich fast jeden Tag mit meinem Mann Funkkontakt, später wurde es wegen der zunehmenden Entfernung immer schwieriger." erzählt sie.
Nach 29 Tagen erreicht sie Barbados, dann geht es weiter durch den Panamakanal Richtung Galapagos. Die weiteren Ziele lesen sich wie aus dem Katalog der Traumziele der Welt: Marquesas, Tahiti, Fidschi, Australien. Vor Südafrika passiert es dann. Ein schwerer Sturm macht ihr das Leben zur Hölle, die Selbststeueranlage bricht an einer Schweißnaht und wird unbrauchbar. "Für die letzten 900 Meilen habe ich gut drei Wochen gebraucht und fast Tag und Nacht am Ruder gesessen." Krystyna Chojnowska-Liskiewicz sagt dies so, als ob sie vom letzten Ölwechsel an ihrem Bootsmotor erzählt.
Angekommen in Südafrika wird ihr überwältigende Gastfreundschaft zuteil, doch Polen und Südafrika unterhalten in dieser Zeit keine diplomatischen Beziehungen, ein Visum zu bekommen ist entsprechend schwierig. Ein langersehntes Wiedersehen mit ihrem Mann Waclaw erscheint aus diesem Grund unmöglich. Die Lösung: Trotz diplomatischer Funkstille zwischen den Ländern können polnische Fischtrawler in Südafrika die Crew wechseln. Waclaw bekommt den letzten Platz auf einem der Flieger, der neue Crew bringt und die alte zurück nach Polen fliegt. Der Haken ist nur, dass er mit dem gleichen Flieger schon einige Stunden nach der Landung wieder zurück nach Polen muss.
Am 5. Februar 1978 verlässt sie Kapstadt und erreicht nach 75 Tagen nonstop auf See wieder ihren Ausgangshafen Las Palmas. Die Weltumsegelung ist geschafft und für Krystyna Chojnowska-Liskiewicz beginnt wieder ein Leben als Ingenieurin in der Schiffbauindustrie.
Zur ihrer Motivation befragt hat sie eine kurze Antwort parat: "Ich wollte die erste sein."
Ihre Fahrt sollte weder die Überlegenheit des Sozialismus demonstrieren, noch wollte sie ihren Geschlechtsgenossinnen zeigen, dass nun die Zeit gekommen ist, sich gegen die Männerherrschaft aufzulehnen.
Eine Frage aber bleibt unbeantwortet: Warum hat es gut 80 Jahre gedauert, bis nach dem ersten Mann die erste Frau die Welt alleine umsegelt hat ? Auf anderen Gebieten
folgten Frauen den Spuren der Männer viel eher. So hat es z.B. nach der Erstbesteigung des Mount Everest nur 22 Jahre gedauert, bis 1975 mit der Japanerin Junko Tabei die erste Frau den Gipfel erreichte.
Krystyna Chojnowska-Liskiewicz hat lange über diese Frage nachgedacht, ohne sich der Antwort auch nur zu nähern. Sie wundert sich nur, dass sich 80 Jahre lang nichts tat und dann Ende der 70er Jahre neben ihr und Naomi James auch noch die Französin Brigitte Oudry eine Einhandweltumsegelung erfolgreich beendeten. "Aber vielleicht hätte es auch bis in die 70er Jahre gedauert, wenn der erste Mann schon vor dreihundert Jahren alleine um die Welt gesegelt wäre. Manche Dinge sind halt erst zu einer bestimmten Zeit reif." ergänzt sie.
Ihre weiteren Segelpläne? Im Sommer geht es meist mit ihrem Boot und einer Mädchencrew auf einen mehrwöchigen Ostseetörn und irgendwann möchte sie noch eine Weltumsegelung machen. Mit einem größeren Boot, dorthin wo es warm und sonnig ist, und vor allem eines ist ihr wichtig: Ihr Mann muss mitfahren. Allerdings habe sie noch nicht entschieden, ob er dann auch mal das Kommando übernehmen darf, fügt sie augenzwinkernd hinzu.
Ein Kurzvideo im MPG Format (1.4 MB) gibt es hier. Ein Foto der Mazurek, das ich 2010 vor Kolberg aufgenommen habe, gibt es hier.


Letztes Update: 26.12.2011